22
Aug
2018

Rechnungslegung

IFRS 16 – Paradigmenwechsel bei der Bilanzierung von Leasingverträgen

Natalie Robers

Leasing oder Kauf? – diese Frage stellt sich für IFRS-Anwender für Geschäftsjahre ab 2019 aufgrund der verpflichtenden Bilanzierung nach IFRS 16 neu. Künftig müssen grundsätzlich alle Leasing-Nutzungsrechte als Vermögenswerte und korrespondierende Zahlungsverpflichtungen als Schulden angesetzt werden. Zu erwarten ist, dass sich der Vermögens- und Schuldausweis und folglich Bilanzsummen im Einzelfall massiv verändern. Auch können sich deutliche Verschiebungen bei Erfolgszwischengrößen wie EBIT oder EBITDA ergeben. Zum Vergleich: bisher bleiben von ca. 3,3 Billionen US-Dollar an künftigen Zahlungsverpflichtungen börsennotierter IFRS-Anwender über 85 % als operating leases unbilanziert1.

Wie kam es zum neuen IFRS 16?
Mit dem neuen IFRS 16 ist ein fast 20-jähriger Normsetzungsprozess zum Abschluss gekommen, der zu enormen Veränderungen bei der Abbildung von Leasingverhältnissen aus Sicht des Leasingnehmers führen wird. Hintergrund für die Neuregelungen ist die Kritik am noch gültigen IAS 17. Dieser verlangt eine Klassifizierung von Leasinggegenständen nach dem wirtschaftlichen Eigentum in operating leases und finance leases. Die Zuordnung lag aufgrund von Ermessensspielräumen und auch Möglichkeiten der Vertragsgestaltung meist in der Entscheidung des Bilanzierenden.

Was sind die wesentlichen Neuerungen?
IFRS 16 verlangt die Bilanzwirksamkeit grundsätzlich aller Leasingverhältnisse im Abschluss von Leasingnehmern. Die Trennung in operating und finance leases entfällt für Leasingnehmer.

Ausnahmsweise können Leasingverhältnisse vom bilanziellen Ansatz ausgenommen werden, wenn entweder: 

  • die Leasinglaufzeit bis zu 12 Monaten beträgt (wobei optionale Mietzeiträume u. U. einzubeziehen sind) oder 
  • Leasing von geringwertigen Vermögenswerten vorliegt. Beispielhafte Anwendungen sind Leasing von Tablets, PCs, Telefonen und anderer geringwertiger Büroausstattung. Ein Schwellenwert findet sich im verpflichtenden Teil des IFRS 16 nicht; in der Begründung zum Standard ist von 5.000 US$ die Rede.

Wird eines dieser Wahlrechte genutzt, müssen lediglich die Leasingzahlungen als Aufwand periodengerecht erfasst werden, was der Behandlung von operating leases unter IAS 17 entspricht.

Wie erfolgt die Zugangs- und Folgebewertung?
Nach IFRS 16 hat die Zugangsbewertung der Nutzungsrechte und Leasingschulden bei Leasingnehmern – ähnlich dem IAS 17 für finance leases – mit dem abgezinsten Wert der erwarteten Leasingzahlungen zu erfolgen. Dabei kommt der Bestimmung der Leasinglaufzeit und folglich der Beurteilung von ökonomischen Anreizen zur Ausübung von Mietverlängerungs- und Kündigungsoptionen eine bedeutende Rolle zu. Das Nutzungsrecht ist mit den Anschaffungskosten erstmalig zu bewerten.

Das Nutzungsrecht ist grundsätzlich systematisch abzuschreiben. Unter spezifischen Voraussetzungen erlaubt IFRS 16 die laufende Fair-Value-Bewertung von Nutzungsrechten, was bislang nicht möglich war. Der Buchwert der Leasingschuld ist – wie bei anderen Finanzschulden auch – nach der Effektivzinsmethode fortzuführen. Eine wesentliche Neuerung stellt die Behandlung von Schätzungsänderungen z. B. hinsichtlich Leasinglaufzeiten oder erwarteten Zahlungen aus Restwertgarantien dar. Verlangt wird hier die Neubewertung der Leasingschuld bei gleichzeitiger und korrespondierender Anpassung des Nutzungsrechts. Hier kommt es künftig grundsätzlich zu einer GuV-neutralen Anpassung von Buchwerten.

Was bedeuten die Neuerungen des IFRS 16 für Anwender?
Zunächst ist eine systematische Erfassung aller bestehenden Leasingverhältnisse erforderlich (ggf. mittels geeigneter IT-Lösung), um einerseits die Umsetzung der IFRS-Vorgaben beginnend ab 2019 und andererseits die Einschätzung der Auswirkungen auf das Abschlussbild zu ermöglichen. Grundsätzlich kommt es zu einer Vorverlagerung von Aufwand während der Leasinglaufzeit im Vergleich zu bislang als operating leases bilanzierten Verträgen.

Die Auswirkungen auf verschiedenste Bilanzkennziffern (z. B. Eigenkapitalquote, Anlagenintensität) sollten proaktiv mit Investoren diskutiert werden, um Überraschungen bei Bekanntgabe von Geschäftszahlen zu vermeiden. Sollten Kreditsicherungsklauseln (covenants) auf solche Bilanzkennziffern Bezug nehmen, wäre mit Kreditgebern nachzuverhandeln, um Kreditkündigungen zu vermeiden. Auch interne Leistungskennziffern (KPI's) sollten auf Auswirkungen untersucht werden.

Bei der Neuvereinbarung von Leasingverhältnissen sollte künftig überprüft werden, ob die Bilanzwirksamkeit nicht doch vermieden werden kann. Dazu wären Verträge so zu gestalten, dass sie nicht unter die Leasingdefinition des IFRS 16 fallen. Ansatzpunkte diesbezüglich wären z. B. die Vereinbarung von substanziellen Austauschrechten für Leasinggeber (z. B. Miete einer Serverkapazität anstelle eines spezifischen Servers).

Nicht zuletzt sind bisherige strategische Entscheidungen für Leasing anstelle von Kauf zu überdenken.

Co-Autor: Prof. Dr. Ronny Gebhardt, Institut für Rechnungslegung (IFRS Seminar Anbieter)

1 Quelle: www.ifrs.org/-/media/project/leases/ifrs/educational-materials/leases-fact-sheet-jan-2016.pdf

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