02
Dec
2020

Arbeitsrecht

„Junges, hochmotiviertes Team“ als Benachteiligungsindiz in Stellenanzeige

Dr. Christian Hoppe

Das LAG Nürnberg hatte darüber zu entscheiden, ob ein Arbeitgeber, der über eine Stellenanzeige eine "zukunftsorientierte, kreative Mitarbeit in einem jungen, hochmotivierten Team" anbot, damit ein Indiz für eine Diskriminierung von erfolglosen Stellenbewerbern aufgrund des Alters gesetzt hat. 

Schadensersatz- und Entschädigungsansprüche geltend gemacht

Der Arbeitgeber hatte online eine Stellenanzeige geschaltet, mit der er einen „Mitarbeiter SAP-Anwendungsbetreuung (m/w/d)“ suchte. Bezüglich des Karrierelevels war „Berufseinsteiger“ angegeben. Im Begleittext fand sich unter der Überschrift „Wir bieten Ihnen“ folgender Text: „Zukunftsorientierte, kreative Mitarbeit in einem jungen, hoch motivierten Team in einem sehr interessanten und abwechslungsreichen Themenumfeld …“ Auf diese Stellenanzeige bewarb sich der 61-jährige Kläger, der über umfangreiche Berufserfahrung als SAP-Spezialist und diverse einschlägige SAP-Zertifikate verfügte.

Der Arbeitgeber lehnte einen Bewerber nach Durchsicht seiner Unterlagen im Rahmen einer Vorauswahl per E-Mail mit der Begründung ab, sich für andere Bewerber entschieden zu haben, die das spezielle Anforderungsprofil noch besser erfüllten. Der Kläger machte daraufhin gegenüber der Beklagten Schadensersatz- und Entschädigungsansprüche aufgrund einer Diskriminierung wegen seines Alters geltend.

LAG: Entschädigung in Höhe von zwei entgangenen Monatsgehältern

Das LAG Nürnberg gab der Klage auf Entschädigung statt und sprach dem Kläger zwei Bruttomonatsgehälter zu, die er bei Einstellung bezogen hätte. Der Arbeitgeber habe die Stelle entgegen den Vorgaben von § 11 AGG unter Verstoß gegen das Verbot der Diskriminierung wegen des Alters (§ 7 Abs. 1 AGG) ausgeschrieben. Die Formulierung in der Stellenausschreibung, in der mit einem „jungen, hochmotivierten Team“ geworben wird, stellt nach dem LAG Nürnberg eine unmittelbare Diskriminierung wegen des Alters nach § 3 Abs. 1 AGG dar. Die Begriffe „dynamisch“ und „hochmotiviert“ im Zusammenhang mit einem „jungen“ Team seien, so das Gericht, austauschbar und unterschieden sich in der Zielsetzung kaum. Der Begriff „dynamisch“ beschreibe eine Eigenschaft, die eher jüngeren als älteren Menschen zugeschrieben werde. Die Botschaft an potentielle Bewerber sei damit klar: wenn die bestehenden Mitglieder des Teams jung und deshalb hochmotiviert sind, wird eine Person gesucht, die in das Team passt, weil sie ebenso jung und hochmotiviert ist wie die vorhandenen Teammitglieder. 

Praxishinweis
Mit seiner Entscheidung liegt das LAG Nürnberg auf der Linie des BAG (Urteil vom 19.5.2016 – 8 AZR 470/14). Das zeigt einmal mehr, dass Andeutungen auf das Lebensalter, auch z. B. in Anglizismen ("Young Professionals", vgl. BAG, Urteil vom 24.01.2013 – 8 AZR 429/11) in Stellenausschreibungen unterbleiben sollten. Zwar ist die Praxis der Rechtsprechung in Bezug auf das „junge, hochmotivierte Team“, für das Verstärkung gesucht wird, nicht einheitlich: so lehnte etwa das LAG Baden-Württemberg (Urteil vom 15.01.2016 - 19 Sa 27/15) im Fall einer 52-jährigen abgelehnten Bewerberin eine Entschädigung ab, da die Formulierung „jung“ sich sowohl auf den Zeitpunkt der Zusammensetzung des Teams beziehen, als auch auf das Lebensalter der einzelnen Teammitglieder beziehen könne, also nicht eindeutig altersdiskriminierend sei. Diesem Risiko aber sollten sich Arbeitgeber nicht aussetzen und stattdessen andere Begriffe wählen, um ihre Arbeitsatmosphäre zu beschreiben: „dynamisch“ und „hochmotiviert“ etwa sind für sich genommen unschädlich, erst durch die Verbindung mit dem „jungen“ Umfeld vor Ort gerät eine solche Selbstbeschreibung in den Fokus enttäuschter Bewerber.

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