22
May
2020

Rechnungslegung

Unterzeichnung von Jahresabschlüssen – Pflicht oder Kür?

Michael Kapitza

Gerade in Zeiten von Corona fürchten viele Vorstände und Geschäftsführer persönliche Haftungsrisiken, wenn sie einen Abschluss unterschreiben, der sich schon wenige Tage nach Unterzeichnung als falsch herausstellen kann. Etwa weil Prognosen und Annahmen unzutreffend waren. 

Es braucht jedoch keine Corona-Pandemie um, bei Geschäftsführern Unbehagen zur Unterzeichnung eines Jahresabschlusses auszulösen. Geradezu lehrbuchmäßig ist der Fall, bei dem es mit dem Jahreswechsel (Geschäftsjahr = Kalenderjahr) zu einem Wechsel der Geschäftsführung kommt, die alte Geschäftsführung die Zahlen des alten Jahres verantwortet hat und die neue Geschäftsführung nun die Aufgabe hat, auf dieser Basis einen Jahresabschluss nebst Anhang und ggfs. einen Lagebericht aufzustellen. 

Jeder Kaufmann hat gem. § 245 HGB den Jahresabschluss unter Angabe des Datums zu unterschreiben. Dies erfolgt unabhängig von den jeweiligen Vertretungsregelungen oder Befugnissen der einzelnen Geschäftsführer. Damit es keine Auslegungsschwierigkeiten gibt, wer wann was unterschreiben soll, gilt eine einfache Regel: Jeder, der zum Zeitpunkt der Aufstellung gesetzlicher Vertreter ist, hat den Abschluss zu unterschreiben. Ausnahmslos. 

Ist der Jahresabschluss nicht oder nicht ordnungsgemäß unterschrieben, stellt dies eine Ordnungswidrigkeit dar. Da die Unterzeichnung selbst jedoch nur Beweisfunktion hat, bleibt die Wirksamkeit des Jahresabschlusses davon unberührt.

Theoretisch also kein Problem?! Fast … Denn wenn es sich um ein prüfungspflichten Jahresabschluss handelt, wird der Abschlussprüfer im Falle, dass z. B. ein Geschäftsführer von dreien den Abschluss nicht unterzeichnet hat, feststellen, dass die Geschäftsführung, die den Abschluss gemeinsam verantwortet, dieser nicht gerecht geworden ist und den Bestätigungsvermerk deswegen versagen. Zudem wird er dies ausführlich im Prüfungsbericht darstellen. 

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